Eine Jugendfeuerwehr, in der fast die Hälfte der Mitglieder Mädchen sind - diese vorbildliche Arbeit im Sinne der Gleichstellung wurde am Dienstag mit dem Marburger Gleichberechtigungspreis ausgezeichnet. Oberbürgermeister Egon Vaupel und die Vorsitzende der Gleichstellungskommission Dr. Marlis Sewering-Wollanek übergaben den mit 2.500 Euro dotierten Preis bei einer Feierstunde im Historischen Saal des Rathauses an die Jugendfeuerwehr Wehrda.

Auszeichnung

 

"Dieser Preis ist ein Gewinn", stellte Egon Vaupel fest, nachdem er seit 2009 nun zum vierten Mal verliehen wurde. Er motiviere, genau hinzuschauen: Es seien die kleinen Dinge, die stimmen müssen, damit Großes erreicht werden könne. Auch wenn Artikel 3 des Grundgesetzes ganz klar formuliere "Männer und Frauen sind gleichberechtigt", sei die Umsetzung dieses Gesetzestextes nach wie vor schwierig.

Frauen verdienen weniger Geld als Männer, sie sind unterrepräsentiert, wenn es um die Bezeichnung von Straßen oder Plätzen geht und wenn er eine Frau von einer bevorstehenden Ehrung ihres ehrenamtlichen Engagements anrufe, dann bekomme er meist zu hören: "Ach, so viel habe ich doch gar nicht gemacht?" - während die Männer äußern, damit hätten sie schon gerechnet, so Vaupel.

Der Marburger Gleichstellungspreis fördert geschlechtergerechtes Handeln und über die diesjährige Entscheidung der sechsköpfigen (paritätisch besetzten) Jury freut sich der Oberbürgermeister aus doppeltem Grund ganz besonders: Nicht nur, weil das Brandschutzdezernat in seiner Zuständigkeit liegt, er ist noch dazu Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Wehrda und konnte damit also "seine" Jugendfeuerwehr auszeichnen.

Die Jugendfeuerwehr Wehrda wurde 1977 gegründet. Dass von Anfang an Mädchen dabei waren, sei eine Besonderheit, erläuterte Holger Schönfeld, Bildungsreferent der Hessischen Jugendfeuerwehr. Erst seit rund 40 Jahren gibt es überhaupt Frauen in der Feuerwehr. Die Diskussionen zu diesem Thema seien nur selten sachlich geführt worden. Und man müsse sich selbstkritisch fragen, warum es so lange gedauert habe bis sich tatsächlich etwas geändert hat. Heute zeigen Frauen und Mädchen vermehrt: "So geht Feuerwehr", sagte Schönfeld.

Im Hinblick auf die Gleichstellung würden Jungen und Mädchen in der Jugendfeuerwehr ein gleichberechtigtes Miteinander lernen, leben und erleben. "Wer hätte vor fünf oder vor zehn Jahren gedacht, dass eine Jugendfeuerwehr einen öffentlichen Gleichstellungspreis erhält". Dieser Preis sei "ein Ritterschlag mit Verpflichtung für die Zukunft". Die Arbeit in den Jugendfeuerwehren diene nicht nur der Rekrutierung von Nachwuchs für die Feuerwehren, sondern sei auch jugendpflegerische Arbeit und erfülle einen Erziehungsauftrag, so der Bildungsreferent weiter.

Auch die Vorsitzende der Gleichstellungskommission der Universitätsstadt Marburg, Dr. Marlis Sewering-Wollanek, betonte, dass die Jugendfeuerwehren auch soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Verlässlichkeit fördern und wie wichtig sie damit sowohl für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen wie auch unserer Gesellschaft sind: "Eine Demokratie ist angewiesen auf Menschen, die sich beteiligen und die verlässlich sind." Und ohne die ständige Einsatzbereitschaft der Freiwilligen Feuerwehren sei es um unsere Sicherheit in vielerlei Hinsicht schlecht bestellt.

Frauen und Mädchen haben es nicht in jeder Stadt oder Gemeinde leicht, sich in der Feuerwehr zu engagieren, sagte Sewering-Wollanek. Unter den rund eine Million Feuerwehrleuten in Deutschland seien nur 80.000 Frauen; bei den Jugendfeuerwehren liege der Anteil inzwischen immerhin bei gut 25 Prozent. Hessen ist im Vergleich der westdeutschen Bundesländer an der Spitze, in den ostdeutschen Ländern ist die Frauenquote traditionell insgesamt deutlich höher. In ihrer Bewerbung um den Gleichstellungspreis hat sich die Jugendfeuerwehr Wehrda als "Stadtmeister" im Hinblick auf den Anteil des weiblichen Feuerwehrnachwuchses bezeichnet: Neun der 19 Mitglieder im Alter zwischen 10 und 15 sind Mädchen.

Jugendwart Philipp Schwarz bedankte sich als Leiter der Jugendfeuerwehr Wehrda für die Auszeichnung. Es werde heute immer schwieriger, Menschen überhaupt für ein Engagement bei der Feuerwehr zu begeistern. Umso wichtiger sei es, bereits in der Jugend anzufangen. "Wir wollen zeigen, dass helfen auch Spaß machen kann", so Schwarz. Wie gut die Arbeit in Wehrda gelingt, zeigt die Tatsache, dass in der Erwachsenen-Feuerwehr 70 Prozent ehemalige Mitgliedern der Jugendfeuerwehr sind. Nach 38 Jahren und nun dem Marburger Gleichberechtigungspreis blickt der Jugendwart optimistisch in die Zukunft: "Solange wir weiter Unterstützung bekommen, freuen wir uns auf die nächsten 38 Jahre!".

Der Marburger Gleichstellungspreis wird seit 2009 im zweijährigen Turnus ausgelobt und ist mit 2.500 Euro dotiert. Die Preisträger der vergangenen Jahre waren das Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg und die Initiative für Kinder-, Jugend- und Gemeinwesenarbeit (2009), die Frauenfußballabteilung der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg (2011) und die "Elisabeth-Café"-Gruppe des Marburger Weltladens (2013). Die nächste Verleihung wird im Jahr 2017 stattfinden.

(Text und Bild: Universitätsstadt Marburg)